1791 passierte in Paris etwas, das die Welt kaum bemerkte – und das bis heute nachwirkt. Gerade zwei Jahre nach der Revolution von 1789 und als Einlösung des Versprechens der Liberté - der Freiheit - wurde Frankreich das erste Land der Moderne, das Homosexualität entkriminalisierte. Nicht vor ein paar Jahrzehnten. Vor über 230 Jahren.
Die tödliche Moral der Kirche
Vor der Französischen Revolution von 1789 war Europa in einer Frage eindeutig: Wer als Mann Sex mit einem Mann hatte – damals unter dem kirchlichen Begriff „Sodomie" zusammengefasst –, riskierte den Scheiterhaufen oder den Galgen. Während man heute unter Sodomie vor allem Sex mit Tieren versteht, bezeichnete der Begriff im kirchlichen und von daher übernommenen juristischen Sprachgebrauch des Mittelalters und der frühen Neuzeit jeden Sex, der nicht der Fortpflanzung diente: Sex zwischen Männern, Analverkehr zwischen Mann und Frau, Masturbation – und ja, auch Sex mit Tieren.
Sodomie war ein Sammelbegriff für alles, was die Kirche als „widernatürlich" einstufte. Das änderten die Philosophen der französischen Aufklärung – allen voran Voltaire und Montesquieu, die im 18. Jahrhundert die Grundlage legten: Gesetze sollen Menschen vor Schaden schützen, nicht religiöse Moral durchsetzen. Als die Revolution diese Ideen 1789 in politische Macht verwandelte, zog bald auch das Strafrecht nach.
Die Revolutionäre setzten die Ideen der Aufklärung unmittelbar in Recht um. Im neuen Strafgesetzbuch von 1791 strichen die Gesetzgeber alle Delikte, die auf religiösen Moralvorstellungen basierten, aber niemandem direkt schadeten. Hexerei? Weg. Ketzerei? Weg. Sex unter Männern? Ebenfalls weg.
Die Revolutionäre setzten die Ideen der Aufklärung unmittelbar in Recht um. Im neuen Strafgesetzbuch von 1791 strichen die Gesetzgeber alle Delikte, die auf religiösen Moralvorstellungen basierten, aber niemandem direkt schadeten. Hexerei? Weg. Ketzerei? Weg. Sex unter Männern? Ebenfalls weg. Der Grundgedanke war so simpel wie radikal: Wo kein Opfer, da kein Verbrechen. Was zwei Erwachsene im Privaten tun, geht den Staat nichts an.
Dahinter stand ein Prinzip, das Europa bis dahin nicht kannte: Der Staat hat keine Moral zu verwalten – das ist Sache der Kirche, und die Kirche hat im Gerichtssaal nichts zu suchen. Die Trennung von kirchlicher Moral und staatlichem Recht, die radikale Trennung von Kirche und Staat, war keine Nebenwirkung der Revolution. Sie war ihr Kern.
Napoleon als unfreiwilliger Exporteur
Napoleon Bonaparte hat halb Europa mit Krieg überzogen – aber in seinem Gepäck lagen auch die neuen Gesetze Frankreichs. Napoleons Code Civil und der Code Pénal von 1810 behielten die Straffreiheit für Homosexualität bei. Und wo Napoleons Armeen marschierten, folgten auch seine Rechtsnormen: in die Niederlande, nach Belgien, in Teile der Gebiete des späteren Deutschland, speziell das Rheinland. Während der berüchtigte Paragraph 175 später im restlichen Deutschland Schwule kriminalisierte, blieb Frankreich – zumindest auf dem Papier – ein anderes Land.
Kein Fortschritt ohne Rückschritt
Das Gesetz schützte nicht vor der Gesellschaft. Die Polizei nutzte Gummiparagraphen wie „Erregung öffentlichen Ärgernisses", um schwule Menschen trotzdem zu verfolgen. Das Vichy-Regime im Komplott mit Nazi-Deutschland führte 1942 diskriminierende Altersgrenzen wieder ein – die erst 1982 unter François Mitterrand endgültig fielen.
1791 und heute – ein unbequemer Vergleich
Was Frankreich 1791 vollzog, war die Entkriminalisierung von Homosexualität – ein konkreter Schritt, kein abstraktes Prinzip. Andere Länder brauchten dafür erheblich länger: Großbritannien entkriminalisierte 1967, die DDR 1968 – die BRD hinkte hinterher und begnügte sich 1969 mit einer halbherzigen Entschärfung. Der Paragraph 175, der Schwule in Deutschland seit 1871 kriminalisierte, wurde erst 1994 nach der Wiedervereinigung vollständig abgeschafft.
Und die USA? Das Land, das sich selbst ohne Unterlaß als Hort der Freiheit feiert, „Land of the Free", in die Verfassung gemeißelt, und wie ist die Realität heute? Einvernehmlicher Sex zwischen Männern war in mehreren US-Bundesstaaten bis 2003 strafbar. Der Supreme Court musste eingreifen, weil die Bundesstaaten es nicht von selbst schafften. Heute, 2026, werden in mehreren US-Bundesstaaten wieder Gesetze verabschiedet, die schwule und queere Menschen systematisch aus dem öffentlichen Leben drängen. Faktisch steht US-Amerika in dieser Frage schlechter da als Frankreich vor 235 Jahren.
Paris war nie perfekt. Aber das Fundament der Freiheit wurde im Pulverdampf der Revolution gelegt – zu einer Zeit, als in Amerika noch Menschen als Eigentum gehandelt wurden und Freiheit vor allem für weiße Männer mit Grundbesitz galt.
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