Ich bin schwul – und das ist auch gut so! Klaus Wowereit und sein historisches Coming Out

Gay Pride Berlin – Transparent mit Klaus Wowereits Zitat „Ich bin schwul – und das ist auch gut so!" vor dem Brandenburger Tor

Ein Satz. Acht Worte. Und plötzlich war nichts mehr wie vorher.

Juni 2001. Berlin. Ein Politiker, den außerhalb der Hauptstadt kaum jemand kennt, steht vor seiner Partei und sagt es einfach: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so!" Kein Zögern. Kein Rumdrucksen. Kein „Ich möchte über mein Privatleben nicht sprechen." Einfach raus damit – und dann noch dieses trotzige, selbstbewusste „und das ist auch gut so" hinterher.

Der Saal erstarrt. Dann Applaus. Und Klaus Wowereit, bis dahin ein Kommunalpolitiker aus Berlin-Tempelhof, wird über Nacht zum Star.

Aber die Geschichte hinter diesem Moment ist noch besser als der Moment selbst.

Die Schmutzkampagne, die nach hinten losging

Wowereit hat diesen Satz nicht aus reiner Herzensfreude gesagt. Tage vor dem SPD-Sonderparteitag am 10. Juni 2001 erreichte ihn die Information: Journalisten waren auf sein Privatleben angesetzt. Boulevardblätter planten eine Enthüllungsgeschichte. Sein Schwulsein sollte zur Waffe werden – gegen ihn, mitten im Wahlkampf.

Er hätte schweigen können. Abwarten. Hoffen, dass die Geschichte nicht erscheint. Stattdessen entschied er sich für das Gegenteil: Flucht nach vorn. Wer die eigene Geschichte selbst erzählt, kann nicht mehr erpresst werden. Wer zuerst spricht, behält die Kontrolle.

Der Satz war nicht von Beratern ausgearbeitet, nicht in Fokusgruppen getestet. Er entstand in der Situation – spontan, instinktiv, und mit einer Klarheit, die kein PR-Team hätte besser hinkriegen können.

Die CDU antwortete auf ihre Art: Ihr Kandidat Frank Steffel wurde demonstrativ mit Ehefrau plakatiert. „Traditionelle Familienwerte" als Wahlkampfbotschaft. Friedrich Merz äußerte sich kritisch. Die Botschaft war unmissverständlich.

Es hat nicht funktioniert. Die Berliner wählten Wowereit. Was als Diskreditierung gedacht war, hatte er gegen seine Gegner gekehrt – und gewonnen. Der erste offen schwule Spitzenpolitiker in Deutschland

Wer war dieser Mann überhaupt?

Mal ehrlich: Vor diesem Moment hätte der Name Klaus Wowereit die meisten Deutschen kalt gelassen. Er saß im Abgeordnetenhaus von Berlin, machte seine Arbeit, fiel nicht groß auf. Ein Lokalpolitiker eben. Fleißig, kompetent, aber kein Typ, über den die Boulevardpresse schrieb.

Das war 2001. Die SPD brauchte einen Spitzenkandidaten für die Berliner Abgeordnetenhauswahl. Wowereit bekam den Job. Und dann – statt brav seinen Wahlkampf abzuspulen – tat er etwas, das in der deutschen Politik bis dahin praktisch undenkbar war.

Er outete sich. Öffentlich. Vor laufenden Kameras. Mit einem Satz, der klingt wie ein Schlachtruf.

Deutschland 2001: Was das bedeutete

Kurze Zeitreise, weil das wichtig ist: Homosexualität war in Deutschland zwar seit 1994 vollständig entkriminalisiert, aber gesellschaftlich? Noch lange nicht normal. Besonders in der Politik herrschte eisiges Schweigen. Schwule Politiker existierten – aber sie existierten im Verborgenen, hinter heterosexuellen Fassaden, aus Angst vor Karriereende, Spott, Ausgrenzung.

Das Wort „schwul" selbst war noch stark belastet. Es wurde als Schimpfwort benutzt. Auf dem Schulhof, in der Kneipe, in den Medien. Wer sich als schwul bezeichnete, machte sich angreifbar.

Wowereit wusste das alles. Und er sagte es trotzdem.

„Ich bin schwul – und das ist auch gut so!"

Was diesen Satz so besonders macht, ist nicht nur das Bekenntnis selbst – es ist die Haltung dahinter. Er sagt nicht „homosexuell". Er sagt schwul. Das Wort, das die Community längst für sich reklamiert hatte, das aber in der bürgerlichen Politik noch niemand laut ausgesprochen hatte. Und dann dieses „und das ist auch gut so" – keine Entschuldigung, keine Erklärung, kein Bitten um Verständnis. Einfach: Ja, ich bin das. Und? Problem?

Das war 2001. Das war revolutionär.

Die Reaktion: Überraschend positiv

Natürlich gab es Gegenwind. Homophobe Kommentare, kritische Stimmen, das übliche Rauschen. Aber das Erstaunliche war: Die Mehrheit reagierte positiv. Die Berliner Wähler wählten ihn. Die SPD gewann die Wahl. Wowereit wurde Regierender Bürgermeister von Berlin – und blieb es über ein Jahrzehnt lang.

Sein Coming Out hatte seiner Karriere nicht geschadet. Es hatte sie gemacht.

Das war die eigentliche Botschaft, die durch das Land hallte: Authentizität funktioniert. Ehrlichkeit zahlt sich aus. Und vielleicht – vielleicht – ist Deutschland reifer, als viele gedacht hatten.

Der Dominoeffekt

Nach Wowereit wurde es leichter. Nicht einfach, aber leichter. Andere Politiker outeten sich. Die Sichtbarkeit von schwulen Männern in Machtpositionen wuchs. Und mit der Sichtbarkeit kamen die Gesetze: die eingetragene Lebenspartnerschaft, später – 2017 – die Ehe für alle.

Wowereit hat das nicht alleine bewirkt. Aber er hat eine Tür aufgestoßen, die vorher fest verriegelt schien. Und wenn eine Tür erst mal offen ist, kommen andere nach.

Was bleibt

Klaus Wowereit ist heute 72. Er hat Berlin regiert, er hat Partys gefeiert, er hat Skandale überlebt, er ist irgendwann müde geworden und zurückgetreten. Das Leben eines Politikers eben.

Aber dieser eine Satz – dieser eine Moment im Juni 2001 – der bleibt. Für alle, die damals zugehört haben. Für alle jungen schwulen Männer, die gesehen haben: Da steht einer, der ist wie ich, und er schämt sich nicht. Für alle, die danach kamen und es ein bisschen leichter hatten, weil jemand vor ihnen den Mut hatte.

„Ich bin schwul – und das ist auch gut so!"

Acht Worte. Und sie haben vieles verändert.

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