Die Kunstgeschichte ist voll von Genies, die zu früh starben. Simeon Solomon starb nicht zu früh – er wurde ausgelöscht. Mit 33 Jahren war er einer der gefeiertsten Maler Englands, Liebling der Präraffaeliten – einer Gruppe englischer Künstler, die sich nach dem Vorbild der Malerei vor Raffael richteten und gegen die kalte Perfektion der akademischen Kunst aufbegehrten. Ihr Programm: intensive Farben, mittelalterliche Motive, radikale Sinnlichkeit. Eine Revolution im viktorianischen England.
Solomon war das Wunderkind in dieser Künstlergruppe. Freund von Dante Gabriel Rossetti und Algernon Swinburne, bewundert von Oscar Wilde. Mit 34 dann war das Wunderkind ein Geächteter. Sein Name verschwand aus den Ausstellungskatalogen, seine Freunde wandten sich ab, seine Karriere war vorbei. Der Grund: Er liebte Männer. Und England 1873 vergab das nicht.
Der Aufstieg – ein Wunderkind in London
Simeon Solomon wurde 1840 in London geboren, in eine jüdische Familie, die bereits zwei Künstler hervorgebracht hatte – seine Geschwister Abraham und Rebecca Solomon waren angesehene Maler. Simeon überstrahlte sie alle. Mit 18 stellte er in der Royal Academy aus. Mit 20 war er in den innersten Kreis der Präraffaeliten aufgenommen – jener revolutionären Bewegung, die gegen die akademische Malerei aufbegehrte und stattdessen Schönheit, Spiritualität und intensive Sinnlichkeit suchte.
Seine Bilder waren anders. Wo andere Präraffaeliten Frauen malten – schön, leidend, erlösungsbedürftig – malte Solomon Männer. Schöne, androgyne, zärtliche Männer. Jünglinge in antiken Gewändern, die sich berühren. Männer, die beten und begehren, manchmal beides gleichzeitig. Die Kritiker bewunderten die Technik. Die Kenner verstanden, was sie sahen.
Der Kreis – Rossetti, Swinburne, Wilde
Solomon bewegte sich in einem Milieu, das Schönheit über Moral stellte – zumindest in der Theorie. Algernon Swinburne, der Dichter und notorische Provokateur, war sein engster Freund. Die beiden teilten nicht nur ästhetische Überzeugungen, sondern auch eine Vorliebe für das Verbotene. Swinburne schrieb über Solomon: „Er ist der einzige Maler, der wirklich versteht, was Schönheit ist."
Oscar Wilde, damals noch Student in Oxford, sammelte Solomons Werke und zitierte ihn in seinen Essays. Der junge Wilde sah in Solomon einen Vorläufer – einen Mann, der das Unsagbare in Bilder fasste, bevor Wilde es in Worte kleidete.
Es war ein Kreis von Männern, die wussten, was sie waren. Und die glaubten, die Kunst würde sie schützen.
Sie irrten sich.
Der Sturz – London 1873
Im Februar 1873 wurde Simeon Solomon in einer öffentlichen Toilette in London verhaftet. Der Vorwurf: „Unzucht mit einem Mann". Er war 33 Jahre alt.
Was folgte, war die systematische Auslöschung eines Lebens. Die Freunde wandten sich ab – Swinburne distanzierte sich öffentlich, Rossetti schwieg. Die Royal Academy schloss ihre Türen. Die Galerien nahmen seine Bilder aus den Ausstellungen. Sein Name wurde aus Katalogen gestrichen, aus Briefen, aus der Kunstgeschichte.
Solomon wurde verurteilt. Die Strafe war vergleichsweise milde – aber die soziale Vernichtung war total.
„Simeon Solomon hat Dinge gemalt, die andere nicht einmal zu denken wagten."
– Oscar Wilde
Die letzten Jahrzehnte – Armut, Alkohol, Vergessen
Solomon malte weiter. Er konnte nicht aufhören – die Kunst war das Einzige, was blieb. Aber er malte jetzt für Pennies, verkaufte Skizzen auf der Straße, lebte in Armenhäusern. Die Bilder aus dieser Zeit sind kleiner, hastiger – aber manchmal von einer Intensität, die seine frühen Meisterwerke übertrifft. Als hätte der Verlust alles Äußerliche weggebrannt und nur den Kern übrig gelassen.
Er starb 1905 in einem Londoner Armenhaus. 65 Jahre alt. Allein.
Die Kunstgeschichte nahm kaum Notiz.
Die Wiederentdeckung – was die Museen verschwiegen
Heute hängen Solomons Bilder in der Tate Britain, im Birmingham Museum, in Privatsammlungen weltweit. Die Kunstwissenschaft hat ihn wiederentdeckt – als Präraffaeliten, als jüdischen Künstler, als queeren Pionier. Seine Bilder zeigen, was die viktorianische Gesellschaft nicht sehen wollte: dass Männer einander lieben, zärtlich und leidenschaftlich, schön und würdevoll.
Was die Museen zeigen, ist allerdings meist das Frühe – die akzeptierten Werke, die man als „symbolisch" oder „spirituell" deuten kann. Das Explizite, das Eindeutige, das Mutige – das bleibt in den Depots.
Geschichtsschreibung in Öl
KUNSTWERK BILDER setzt Solomons Werk fort – nicht als Kopie, sondern inspiriert als Antwort. Was Solomon in Andeutungen malen musste, weil England ihn sonst ins Gefängnis warf, zeigen wir direkt. Zwei Männer. Ihre Schönheit. Ihre Zärtlichkeit. Ihre Lust.
Solomon hat dafür alles bezahlt. Wir schulden ihm Klarheit.
KUNSTWERK BILDER proudly presents: Geschichtsschreibung in Öl.







