Nichts steht mehr! Die Generation Porno wird 30 - Warum Pornografie impotent machen kann

Nichts steht mehr! Die Generation Porno wird 30 - Warum Pornografie impotent machen kann

Über Impotenz spricht man nicht. Nicht einmal mit dem Arzt – nur 10 bis 20 Prozent der betroffenen Männer suchen überhaupt medizinische Hilfe. Schon gar nicht mit Freunden. Und erst recht nicht mit dem Date, das gerade wartet. Doch das Schweigen hat einen Preis. Und er wird immer höher.

Die Zahlen, die niemand kennt

In Deutschland sind schätzungsweise 4 bis 6 Millionen Männer von erektiler Dysfunktion (ED) betroffen. Weltweit rechnen Mediziner für 2025 mit rund 322 Millionen Betroffenen – eine Zahl, die vor einer Generation undenkbar gewesen wäre. Der Cologne Male Survey, eine der wichtigsten deutschen Studien zu diesem Thema, zeigt die Verteilung nach Altersgruppen:

  • 30 bis 40 Jahre: 2,3 % betroffen
  • 40 bis 49 Jahre: rund 10 %
  • 50 bis 59 Jahre: bereits jeder zweite Mann mit leichten bis mäßigen Problemen
  • 60 bis 69 Jahre: 34 %
  • Ab 70 Jahren: über 50 bis 60 %

Das Alter bleibt der Hauptrisikofaktor. Aber die Medizin beobachtet seit Jahren eine beunruhigende Verschiebung: ED nimmt auch bei Männern unter 45 Jahren zu. Und 18 Prozent der Männer unter 40 haben bereits Erfahrungen mit Potenzmitteln gemacht – teilweise ohne medizinische Notwendigkeit, als Partydroge, weil sie ihrem eigenen Körper nicht mehr vertrauen.

Organisch oder im Kopf – eine falsche Trennung

Etwa 70 Prozent der Fälle haben organische Ursachen: Durchblutungsstörungen, Diabetes, Bluthochdruck. Das sind die klassischen Erklärungen, die Ärzte kennen und behandeln. Was sie seltener fragen: Was ist mit den anderen 30 Prozent? Und was ist mit den jungen Männern, deren Gefäße noch einwandfrei funktionieren?

Was sich in den letzten 20 Jahren verändert hat

Diese Ursachen klingen medizinisch und unveränderlich – aber sie sind es nicht. Die meisten haben eine direkte Verbindung zum modernen Lebensstil, und die Zahlen steigen.

Diabetes und Übergewicht: Weltweit hat sich die Zahl der Diabetiker seit 1980 vervierfacht. In Deutschland leben heute etwa 8 bis 9 Millionen Menschen mit Diabetes Typ 2 – Tendenz steigend. Da Diabetes die Blutgefäße und Nerven schädigt, ist er einer der häufigsten Auslöser von ED. Wer Diabetes hat, hat ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für ED.

Bluthochdruck: Etwa 20 bis 30 Millionen Deutsche haben Bluthochdruck – viele davon unbehandelt. Auch hier ist der Lebensstil der Haupttreiber: zu wenig Bewegung, zu viel Salz, chronischer Stress, schlechter Schlaf.

Junges Alter, altes Problem: Was früher als Problem älterer Männer galt, betrifft heute zunehmend Männer unter 40. Studien zeigen, dass etwa 25 bis 30 Prozent der Männer, die erstmals wegen ED einen Arzt aufsuchen, unter 40 Jahre alt sind – vor zwei Jahrzehnten war diese Gruppe kaum relevant.

PDE5-Hemmer – der Markt explodiert: Viagra kam 1998 auf den Markt – der erste PDE5-Hemmer, eine Wirkstoffklasse, die die Durchblutung der Schwellkörper gezielt fördert und so die Erektion ermöglicht. Anfangs war es ein Tabuthema, hauptsächlich ältere Männer, Verschreibung beim Urologen, mit Scham verbunden. Das hat sich fundamental verändert. Der globale Markt für PDE5-Hemmer (Viagra, Cialis, Levitra und Generika) wurde 2023 auf etwa 4,5 Milliarden US-Dollar geschätzt – mit jährlichen Wachstumsraten von 5 bis 7 Prozent. In Deutschland sind seit der Entlassung aus der Verschreibungspflicht 2024 Sildenafil-Generika rezeptfrei in der Apotheke erhältlich – ein Zeichen dafür, wie verbreitet das Problem geworden ist.

Psychische Faktoren spielen eine wachsende Rolle – besonders bei Jüngeren. 90 Prozent der Männer mit schweren Depressionen haben ED. Stress und Leistungsdruck sind eigenständige Risikofaktoren. Und hier beginnt das Problem, das niemand benennt: Woher kommt dieser Leistungsdruck? Was hat das Bild von Sex, das junge Männer heute haben, mit dem zu tun, was ihr Körper tatsächlich leisten kann?

Was Pornografie im Gehirn anrichtet

Seit dem Siegeszug des Smartphones liegt das Durchschnittsalter beim ersten Pornografiekonsum bei 12 bis 13 Jahren – Studien aus den 2010er-Jahren belegen das erstmals für eine ganze Generation. Was diese Kinder sehen, ist keine Sexualität – es ist eine Inszenierung. Perfekte Körper, endlose Ausdauer, immer bereit, immer hart, immer mehr. Und sie halten es für die Wirklichkeit.

Pornografie funktioniert über Dopamin – denselben Neurotransmitter, der bei Drogen und Glücksspiel wirkt. Jeder neue Clip, jede neue Szene löst eine Ausschüttung aus. Das Gehirn gewöhnt sich. Die Schwelle steigt. Was gestern noch aufregend war, reicht heute nicht mehr. Forscher nennen das Desensibilisierung – und sie hat eine direkte körperliche Konsequenz: Wenn ein echter Mensch gegenübersteht, ohne Schnitt, ohne Musik, ohne perfekte Beleuchtung, reagiert das Gehirn nicht mehr zuverlässig. Die Erektion bleibt aus. Nicht weil der Körper versagt – sondern weil er übersättigt ist.

PIED – Porn-Induced Erectile Dysfunction – ist in der Sexualmedizin ein zunehmend diskutiertes Phänomen. Die Forschung steht noch am Anfang, weil das Problem neu ist: Breitband-Internet und unbegrenzt verfügbare Pornografie gibt es erst seit einer Generation. Die ersten Betroffenen sind jetzt in ihren Dreißigern.

Besonders bei jungen Männern, die mit leicht verfügbarer Pornografie aufgewachsen sind, berichten Therapeuten von ED ohne organische Ursache. Belastbare Langzeitstudien fehlen noch, aber die klinischen Beobachtungen häufen sich.

Chemsex in der Gay Community: Ein spezifischer Faktor für schwule Männer: Chemsex – der Konsum von Drogen wie Crystal Meth, GHB oder Mephedron in Verbindung mit Sex – ist in urbanen Gay-Communities verbreitet. Kurzfristig steigern diese Substanzen die sexuelle Ausdauer, langfristig schädigen sie die Erektionsfähigkeit erheblich. Studien aus London und Amsterdam zeigen, dass 10 bis 20 Prozent der Männer, die Chemsex praktizieren, danach über anhaltende ED berichten.

Poppers und Erektion – der Widerspruch: Poppers wirken gefäßerweiternd – kurzfristig fördern sie die Durchblutung, entspannen die glatte Muskulatur. Sie werden in der Gay Community primär zur Erleichterung von Analsex verwendet, nicht als Erektionsmittel. Tatsächlich können Poppers die Erektion schwächen – weil der Blutdruck sinkt und der Körper Blut aus den Schwellkörpern abzieht. In Kombination mit PDE5-Hemmern – lebensgefährlich: Das ist medizinisch gut belegt: Poppers + Viagra/Cialis = gefährlicher Blutdruckabfall, in Einzelfällen tödlich. Diese Kombination ist in der Gay Community aber verbreitet.

Zwei junge Männer mit Lorbeerkränzen im Haar küssen sich in einem goldenen Tempel – erotische Gay Art im Stil von Simeon Solomon
Das Bild im Shop ansehen

Das verzerrte Erwartungsbild in der schwulen Welt

In der schwulen Welt kommt ein weiteres Problem dazu, das in der Forschung noch kaum beachtet wird: die Tyrannei der Rollen.

Schwuler Sex ist heute immer stärker auf Analsex fixiert. Analsex gilt als der einzig „echte" Sex – alles andere wird als Vorstufe gering geschätzt, der Arschfick gilt als Höhepunkt. Diese Botschaft, auch sie durch Porno stark befeuert, sitzt tief. Immer mehr Männer tragen sich in Dating-Portalen als passiv ein – nicht weil sie es wollen, sondern weil sie der Rollenerwartung erliegen und wissen, dass ihre Erektionen für aktiven Analsex nicht mehr zuverlässig genug sind. Passiv sein wird zur Lösung für ein Problem, das niemand ausspricht und das nicht wirklich existieren müsste, wenn Sex nicht zunehmend als abarbeiten eines definierten Leistungskatalogs aus der Schublade der Pornoindustrie gesehen würde.

Vor dem Date wird alles abgefragt: Wie viel spritzt du? Wie groß ist dein Schwanz? Dirty? SM? Fistfuck? Eine Checkliste sexueller Leistungsmerkmale, zusammengestellt aus tausend Stunden Pornografie – und nie vollständig erfüllbar; und doch, alles wird beim ersten Date erwartet. Was bleibt, ist Angst. Und Männer, die sich hinter Erwartungen verstecken, die sie selbst nicht erfüllen können.

Ich habe es selbst zu oft erlebt, und in den letzten Jahren immer öfter: Bei Dates große Ankündigungen und Sprüche vorher – und beim Date keine Erektion, die zur Ejakulation reichte. Keiner sprach darüber. Die Scham saß zu tief. Porno Wünsche für den Mülleimer.

Was verloren geht

Wie wäre es denn damit, sich einfach locker zu machen. Neugierde mitzubringen statt eines Drehbuchs für die Sex-Performance. Neugierde auf Nackheit, auf einen fremden Körper, seine Formen, seinen Geruch, seine Haut. Und natürlich auf den Schwanz, auf die Eier, die zum Kraulen wie gemacht sind. Und dann die Lust des Tages entscheiden zu lassen, wie es zum Höhepunkt kommt.

Küssen. Kuscheln. Zärtlichkeit. Blasen. Wichsen. Die Basics, die tatsächlich Vertrauen schaffen, emotional verbinden und funktionieren – sie gelten nicht mehr als genug. Pornografie hat sie aus dem Repertoire gestrichen. Denkt ihr ernsthaft, dass sie nur Vorstufe sind, Übergang, Zeitverschwendung auf dem Weg zur „eigentlichen" Handlung. So lange ihr euch immer weiter der sexuellen Performance verpflichtet, je mehr vergeht euch die Lust!

Lust entsteht nicht durch Reizüberflutung, sondern durch Sicherheit, Neugier und Verbindung. Körper neugierig und lustvoll erkunden, ohne Ziel, ohne Leistungsdruck – das ist keine Vorstufe. Das ist Sex. Eine Fähigkeit, die vielen jungen Männern fehlt. Weil sie es nie gelernt haben.

Keiner merkt es. Keiner redet darüber.

Nur 10 bis 20 Prozent der von Erektionsstörungen betroffenen Männer suchen ärztliche Hilfe. Dabei wären 70 bis 80 Prozent der Fälle mit modernen Behandlungen erfolgreich therapierbar. Das Schweigen ist kein Zufall – es ist das Ergebnis einer Scham, die das System produziert hat. Wer als junger Mann über Erektionsprobleme spricht, gibt zu, dass er dem Bild nicht entspricht, das Pornografie von Männlichkeit zeichnet.

Die Pornoindustrie schweigt sowieso. Sie verdient an der Sucht, nicht an der Heilung.

Der Gegenentwurf - Kunst, die dich animiert

Erotische Kunst funktioniert anders. Sie zeigt nicht alles – sie lässt Raum. Sie überwältigt nicht – sie lädt ein. Sie erzeugt keine Erwartung, die erfüllt werden muss, sondern Fantasie, die sich entfalten darf.

Der Unterschied ist fundamental: Pornografie richtet sich an den Reflex. Erotische Kunst richtet sich an die Vorstellungskraft. Ein Bild, das Begehren zeigt ohne Leistungsdruck, erinnert daran, wie Lust sich anfühlen kann, wenn sie frei ist. Wenn sie nicht performen muss. Wenn sie einfach sein darf.

Das ist der Gedanke hinter KUNSTWERK BILDER. Schwule Erotik, die nicht überwältigt. Die Raum lässt. Die zeigt, was Pornografie vergessen hat: dass Begehren keine Leistung ist.

Quellen

[1] urologe-in-hamburg.de – Erektionsstörungen
[2] Cologne Male Survey, zit. nach ratiopharm.de
[3] klinischeforschung.novartis.de
[4] marienhospital-herne.de
[5] maennergesundheit.info
[6] focus.de – Jung, männlich, impotent
[7] gospring.de
[8] porst-hamburg.de
[9] netdoktor.de
[10] apotheken.de
[11] pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[12] biermann-medizin.de – Potenzmittel als Partydroge
[13] urologie.co.at
[14] volksversand.de
[15] meinbezirk.at

Hinterlassen Sie einen Kommentar