Anfang der 80er Jahre saß ich vor dem Radio und hörte „Hallo Ü-Wagen". Die Sendung des WDR war damals ein Phänomen: Ein riesiger Übertragungswagen fuhr durch deutsche Städte, parkte auf zentralen Plätzen und sendete live – unzensiert, direkt, mit Themen, die Zuhörer vorgeschlagen hatten. Moderatorin Carmen Thomas stellte die Fragen, die sonst niemand stellte.
An diesem Tag war Günter Amendt zu Gast, Sexualforscher und Autor von „Sexfront". Das Thema: Masturbation. Mitten in der Sendung, unvermittelt, stellte Amendt eine Frage, die ich nie vergessen habe: „Wer hat heute schon onaniert?" Laut, deutlich und öffentlich in die Menge gerichtet. Dann forderte er die Menschen auf dem Platz auf, die Hand zu heben. Er selbst hob seine Hand.
Nur ein Satz – und der, und damit die gesamte Sendung, ist mir lebhaft im Kopf geblieben, inzwischen mehr als 40 Jahre lang, als sei er heute gesprochen.
Provokation und Befreiung
Die Reaktionen sollen heftig gewesen sein. Empörung, Ablehnung, Beschwerden. Aber für viele war es auch Befreiung. Amendt enttabuisierte etwas, das jeder tat und niemand aussprach. Er machte sichtbar, was sonst verschwiegen wurde. Live im öffentlich-rechtlichen Radio, auf einem Marktplatz, zur besten Sendezeit.
Das war Mut. Das war Provokation für den Mainstream – aber es war auch ein Akt der Befreiung.
Und heute?
Mehr als 40 Jahre später leben wir in einer Zeit, die sich für aufgeklärt hält. Aber wo ist der Mut geblieben? Statt Provokation gibt es Selbstzensur. Statt Befreiung gibt es Rollback, am schlimmsten angestoßen durch heuchlerische Evangelikale, instrumentalisiert von machtbesessenen Polit Eliten. Statt Sichtbarkeit gibt es Feigheit.
Ich betreibe KUNSTWERK BILDER, einen Shop für schwule Kunst. Ich zeige Bilder, die es in der Kunstgeschichte nie gab: Schwule Männer in klassischer Malerei, in erotischer Intimität, gemalt mit derselben Würde wie heterosexuelle Motive. Bilder, die zeigen, was 300 Jahre Kunstgeschichte ausgelassen haben.
Und ich erlebe, wie schwer es ist, diese Bilder sichtbar zu machen. Algorithmen zensieren. Plattformen sperren. Menschen schauen weg. Nicht weil die Bilder schlecht sind, sondern weil sie zeigen, was die institutionalisierte Zensur lieber nicht sehen will.
Sichtbarkeit ist kein Luxus
Günter Amendt hat damals nicht gefragt, ob seine Frage angemessen ist. Er hat sie gestellt. Weil Sichtbarkeit kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit. Weil Tabus nur gebrochen werden, wenn jemand den Mut hat, sie zu brechen.
Genau das mache ich mit meiner Gay Art. Ich zeige, was die Kunstgeschichte verschwiegen hat. Ich mache sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt. Nicht weil es provokant ist, sondern weil es selbstverständlich sein sollte.
Mehr als 40 Jahre nach Amendts Frage ist es Zeit, wieder mutiger zu werden. Zeit, Sichtbarkeit einzufordern statt sie zu verstecken. Zeit, zu zeigen, was gezeigt werden muss.
Wer hat heute schon onaniert? Amendt hob die Hand. Ich hebe meine auch – für schwule Kunst, für Sichtbarkeit, für Mut.
Und weil ich heute, wie man damals sagte, "es getan" habe.
Über Winfried Schwamborn
Winfried Schwamborn wurde 1972 mit dem „Handbuch für Kriegsdienstverweigerer" bekannt und prägte die Schwulenbewegung als Herausgeber des „Schwulenbuch. Lieben, kämpfen, leben". Seitdem ist er eng befreundet mit Mitautor Tim Lienhard. Nach 30 Jahren als Fernsehjournalist sammelte er seit 2004 Erfahrungen im Onlinehandel. Sein aktuelles Projekt ist KUNSTWERK BILDER – ein Shop für schwule Kunst, die zeigt, was die Kunstgeschichte ausgelassen hat.



