Glad to Be Gay – Eine Hymne, die mich einst befreite (und heute noch gebraucht wird)

Glad to Be Gay – Eine Hymne, die mich einst befreite (und heute noch gebraucht wird)

Über den Autor
Winfried Schwamborn wurde 1972 mit dem „Handbuch für Kriegsdienstverweigerer" bekannt und prägte die Schwulenbewegung als Herausgeber des „Schwulenbuch. Lieben, kämpfen, leben". Nach 30 Jahren als Fernsehjournalist sammelte er seit 2004 Erfahrungen im Onlinehandel. Sein aktuelles Projekt ist KUNSTWERK BILDER – ein Shop für schwule Kunst, die zeigt, was die Kunstgeschichte ausgelassen hat.

Jung und unerfahren, in einer Zeit, als Schwule noch als „warme Brüder" und „vom anderen Ufer" verächtlich gemacht wurden, schlitterte ich in eine heterosexuelle Ehe. Wie so viele Männer, die sich später Bi nannten, aber eigentlich immer schon einfach nur schwul waren. Nach einigen Ehejahren mit durchaus gutem Sex (ich kannte ja das "andere Ufer" noch nicht) hatte ich Erlebnisse, die mir zeigten: Schwuler Sex war für mich besser als alles, was ich zuvor gut gefunden hatte.

Die konsequent vorangetriebene Folge war mein Coming-out.

Und als ich inmitten gesellschaftlicher Widerstände mein Leben neu sortieren musste, hörte ich bei Dreharbeiten in London eine in Deutschland völlig unbekannte Band: Die Tom Robinson Band. Ihr Song „Glad to Be Gay" wurde meine Hymne.

Tom Robinson – Punk, Politik und Pride

Tom Robinson war einer der ersten offen bisexuellen Musiker im britischen Punk und New Wave der späten 1970er Jahre. Mit der Tom Robinson Band (TRB) veröffentlichte er 1978 „Glad to Be Gay" – eine selbstbewusste, wütende Antwort auf Polizeigewalt, Diskriminierung und gesellschaftliche Heuchelei. Der Song war Teil der Rock Against Racism-Bewegung und wurde zur Hymne einer Generation schwuler Männer, die sich nicht länger verstecken wollten.

Robinson sang nicht von Scham oder Entschuldigung. Er sang von Stolz – mitten in einer Zeit, in der Homosexualität in vielen Ländern noch kriminalisiert wurde, in der Polizeirazzien in Schwulenbars Alltag waren, in der die Boulevardpresse schwule Männer als Bedrohung darstellte.

„Sing if you're glad to be gay" – Die erste Strophe

"The British Police are the best in the world
I don't believe one of these stories I've heard
'Bout them raiding our pubs for no reason at all
Lining the customers up by the wall
Picking out people and knocking them down
Resisting arrest as they're kicked on the ground
Sing if you're glad to be gay
Sing if you're happy that way"


„Die britische Polizei ist die beste der Welt
Ich glaube keine dieser Geschichten, die ich gehört habe
Dass sie unsere Kneipen ohne Grund stürmen
Die Gäste an der Wand aufstellen
Leute rausziehen und niederschlagen
Widerstand gegen die Verhaftung, während sie am Boden getreten werden
Sing, wenn du froh bist, schwul zu sein
Sing, wenn du glücklich bist, so zu sein"

Damals und heute

1978 waren Polizeirazzien in Schwulenbars in Großbritannien Realität. Schwule Männer wurden verhaftet, geschlagen, gedemütigt – oft ohne Anklage. Der Song prangerte diese Gewalt mit beißender Ironie an.

Heute? In vielen Ländern der Welt – von Uganda über Russland bis in Teile der USA – werden LGBTQ+-Menschen immer noch von staatlichen Stellen verfolgt, verhaftet, bedroht. Auch in Deutschland nehmen queerfeindliche Übergriffe zu. Die erste Strophe von „Glad to Be Gay" ist erschreckend aktuell.

„Pictures of naked young women are fine" – Die zweite Strophe

"Pictures of naked young women are fine
Nudity's healthy, the Sun's Page Three
But pictures of men are disgusting obscene
Corrupt and degrade, well they've got to be seen
To be understood and if you're one of the few
Who thinks that it's wrong, well then you must be too
Sing if you're glad to be gay
Sing if you're happy that way"


„Bilder nackter junger Frauen sind in Ordnung
Nacktheit ist gesund, die Seite 3 der Sun
Aber Bilder von Männern sind widerlich, obszön
Korrupt und erniedrigend, nun, sie müssen gesehen werden
Um verstanden zu werden, und wenn du einer der wenigen bist
Die denken, dass es falsch ist, dann musst du es auch sein
Sing, wenn du froh bist, schwul zu sein
Sing, wenn du glücklich bist, so zu sein"

Damals und heute

Robinson prangerte die Doppelmoral an: Nackte Frauen auf Seite 3 der Boulevardzeitung "Sun" waren „gesund", nackte Männer „obszön". Schwule Erotik wurde kriminalisiert, während heterosexuelle Erotik überall präsent war.

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Heute? Die Doppelmoral ist geblieben. Heterosexuelle Erotik ist in Werbung, Film, Kunst selbstverständlich. Schwule Erotik wird zensiert, geflaggt, als „unangemessen" markiert – auf Social Media, in Galerien, in der Öffentlichkeit. Zwei Männer, die sich küssen, gelten als „auffällig", während ein heterosexuelles Paar „normal" ist.

Genau deshalb gibt es KUNSTWERK BILDER. Wir machen schwule Kunst sichtbar – ohne Entschuldigung, ohne Scham. Weil schwule Liebe, schwule Erotik, schwule Körper genauso selbstverständlich sein sollten wie heterosexuelle.

Warum „Glad to Be Gay" heute noch wichtig ist

Der Song hat mich damals befreit. Er hat mir gezeigt: Ich bin nicht allein. Ich muss mich nicht verstecken. Ich darf stolz sein.

Und heute? Heute brauchen wir diese Hymne immer noch. Für jeden schwulen Teenager, der sich fragt, ob er „normal" ist. Für jeden Mann, der sich nicht traut, seinen Partner in der Öffentlichkeit zu küssen. Für jede queere Person, die gegen Zensur, Diskriminierung, Gewalt kämpft. Und auch für jeden gestandenen "Bi-Mann", der seine Leidenschaft für Schwänze nicht unterdrücken kann und mag.

„Glad to Be Gay" ist keine nostalgische Erinnerung. Es ist ein Auftrag.

Sing if you're glad to be gay. Sing if you're happy that way.

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