Artist Statement: Die dekonstruierte Pose
Projekt: Drag-Collagen von Tim Lienhard
Dieses Portal präsentiert künstlerische Arbeiten des renommierten Kulturjournalisten und Filmemachers Tim Lienhard in seiner Rolle als Performance-Künstler und Drag-Persona.
Die hier gezeigten Collagen sind Akte der gesellschaftspolitischen Dekonstruktion. Durch die bewusste Überzeichnung klassischer pornografischer Codes – symbolisiert durch groteske Requisiten wie transparente Plastikschüsseln als Brust-Prothesen und die provokante Inszenierung des männlichen Körpers in Netzhosen – bricht Lienhard mit herkömmlichen Sehgewohnheiten.
Künstlerische Intention:
Die Arbeiten verstehen sich als Satire auf die Hypersexualisierung unserer Gesellschaft. Der sichtbare, oft im Ruhezustand gezeigte Penis fungiert hier nicht als Werkzeug der sexuellen Stimulation, sondern als entmystifiziertes Objekt innerhalb einer kunstvollen Performance. Die Collagen nutzen die krasse Übersteigerung, um die Absurdität geschlechtlicher Rollenbilder und medialer Körpernormen zu entlarven.
Rechtlicher Kontext & Jugendschutz:
Diese Werke genießen den Schutz der Kunstfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG). Obwohl die Darstellungen explizit sind, folgen sie einer rein ästhetischen und sozialkritischen Logik, die sich dezidiert von der Werbe- oder Gebrauchspornografie abgrenzt.
Tim Lienhard über Collagen und Performance Kunst
Diese Collagen sind ein Angriff auf eine Gesellschaft, die Körper liebt – aber das Geschlecht tabuisiert. Sie halten dagegen. Zeigen, was versteckt wird.
Alten Männern wird Sexualität abgesprochen. Ihr Begehren gilt als peinlich, widerlich oder schlicht nicht mehr existent. Der alternde männliche Körper dellte möglichst nicht sichtbar sein – wenn, dann nur als entsexualisierte Hülle. Lust im Alter wird nicht als menschlich akzeptiert, sondern als Grenzüberschreitung diffamiert. Das ist keine Moral. Das ist Entmündigung.
Drag Queens werden zur dekorativen Oberfläche degradiert. Der Penis wird weggedrückt, abgeklebt, ausgelöscht – nicht nur körperlich, sondern symbolisch. Was bleibt, ist eine ästhetisierte Figur ohne Begehren: konsumierbar, entpolitisiert, entschärft. Die Drag Queen darf gesehen werden – solange sie ihr Geschlecht neutralisiert und ihre Sexualität entschärft. Sichtbarkeit wird hier zur Disziplinierung.
Diese Entsexualisierung ist kein Zufall. Sie passt perfekt in eine Zeit, in der Künstliche Intelligenz Sexualität meidet, neutralisiert und aus Bildern löscht – aus Angst vor Fehlern, Skandalen, Grenzüberschreitungen. Was als Respekt verkauft wird, ist in Wahrheit eine neue Form von Zensur. Prüderie aus dem Silicon Valley. Der Körper darf gezeigt werden, solange er kein Begehren behauptet. Solange er kein Geschlecht reklamiert.
Wir leben in einer pornographischen Gegenwart: Nacktheit ist allgegenwärtig, Selbstentblößung ist Ware, der Körper ist Content. Und gleichzeitig wird Sexualität tabuisiert, entschärft, gelöscht. Das Geschlecht wird unsichtbar gemacht – ausgerechnet in einer Kultur der totalen Sichtbarkeit. Das ist der zentrale Widerspruch unserer Zeit: maximale Körperpräsenz bei gleichzeitiger sexueller Entleerung.
Diese Collagen verweigern diese Entleerung.
Sie holen das Geschlecht zurück in den sozialen Raum.
Sie bestehen darauf, dass der Körper nicht neutral ist.
Dass er begehrt. Dass er begehrt werden darf.
Auch im Alter. Auch in Drag. Auch jenseits von Normen.
Der Körper ist politisch.
Das Geschlecht ist politisch.
Begehren ist politisch.
Diese Arbeiten fordern Sichtbarkeit nicht als Dekoration, sondern als Zumutung.
Sie zeigen den Körper mit dem, was ihm systematisch genommen wird: seinem Geschlecht, seiner Lust, seiner Ambivalenz.
Ausstellen heißt hier: Widerstand.
Zeigen heißt: sich nicht neutralisieren lassen.
Solange das noch möglich ist.
Ein Plädoyer für den Körper – mit seinem Alter, seiner Lust, seiner Ambivalenz.
Für das Geschlecht – nicht als Skandal, sondern als Realität.