Cruising in öffentlichen Toiletten – Verbotene Intimität als Kunst

Cruising in öffentlichen Toiletten – Verbotene Intimität als Kunst

Öffentliche Toiletten sind keine romantischen Orte. Sie sind funktional, anonym, oft schmutzig. Doch genau das machte sie zu einem der wichtigsten Cruising-Orte der schwulen Geschichte.

Warum gerade Toiletten?

Warum? Weil sie drei Dinge vereinen, die Cruising möglich machen: Anonymität, Zugänglichkeit und Transgression.

Und vor allem: Notwendigkeit. Schwule Männer hatten keine andere Wahl. Die Gesellschaft verbot ihnen ihre Sexualität, kriminalisierte sie, wollte sie zu einem Leben ohne Sex zwingen. Die Toiletten waren nicht Wahl, sondern Überlebensnotwendigkeit.

Anonymität: Niemand kennt deinen Namen. Niemand stellt Fragen. Du kommst, du gehst, du hinterlässt keine Spuren.

Zugänglichkeit: Öffentliche Toiletten sind überall. Parks, Bahnhöfe, Kaufhäuser, Autobahnraststätten. Orte, an denen sich Männer „zufällig" begegnen können.

Transgression: Eine öffentliche Toilette ist ein verbotener Ort für Sex. Genau das macht ihn aufregend. Das Risiko, erwischt zu werden. Die Gefahr. Die Grenzüberschreitung.

Die Geschichte des Toiletten-Cruising

Bevor Homosexualität legal war, bevor es Gay Bars gab, bevor schwule Männer offen leben konnten, gab es öffentliche Toiletten.

In den 1950er und 60er Jahren wurden sie zu geheimen Treffpunkten. Männer standen am Urinal, warfen Blicke, gaben Signale. Ein Schritt näher. Eine Berührung. Manchmal mehr.

Es war gefährlich. Polizei führte Razzien durch. Männer wurden verhaftet, ihre Namen veröffentlicht, ihre Leben zerstört. Doch die Toiletten blieben. Weil es keine Alternative gab.

Menschen brauchen Sex – das ist eine biologische Tatsache. Doch schwulen Männern war Sex verboten. Die Gesellschaft wollte sie zum Sex mit Frauen zwingen, gegen ihre Natur. Wer sich weigerte, sollte ein Leben ohne Sexualität führen – ein unmenschlicher Zwang. Die Toiletten waren Überlebensräume, keine Orte der Schande.

Heute ist Toiletten-Cruising seltener geworden. Dating-Apps haben vieles ersetzt. Doch die Kultur bleibt. Die Codes, die Blicke, die Spannung. Und die Erinnerung an eine Zeit, in der öffentliche Toiletten die einzigen Orte waren, an denen schwule Männer sich finden konnten.

„Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!" – Rosa von Praunheim und die deutsche Schwulenbewegung

1971 brachte Rosa von Praunheim mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" die Ziele der beginnenden Schwulenbewegung erstmals ins deutsche Fernsehen. Der Film war eine Kampfansage: Schluss mit dem Verstecken. Schluss mit der Scham. Schluss mit den Toiletten.

Der kämpferische Slogan der Bewegung lautete: „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!"

Die Botschaft war klar: Schwule Männer sollten nicht länger in dunklen, anonymen Orten nach Intimität suchen müssen. Sie sollten sichtbar werden. Stolz sein. Auf die Straße gehen.

Doch die Realität war komplexer. Trotz der Schwulenbewegung verschwanden die Toiletten nicht. Nicht, weil schwule Männer sie mieden – sondern weil sich beides nebeneinander entwickelte. Einerseits wollten Kommunen Schwulentreffpunkte eliminieren, andererseits waren Toiletten weniger im Blick der Öffentlichkeit. Sie blieben, was sie immer waren: Orte der Anonymität, der Transgression, der verbotenen Intimität.

Der Hamburg-Skandal: Polizei-Spionage und schwuler Widerstand

Viele Jahre nach Rosa von Praunheim ereignete sich in Hamburg ein Skandal, der die Überwachung schwuler Männer auf die Spitze trieb.

In einer öffentlichen Toilette, die als Schwulentreffpunkt bekannt war, hatte die Polizei einen Einwegspiegel installiert. Dahinter saßen Beamte und beobachteten, was in der Toilette geschah. Schwule Männer wurden bespitzelt, ihre Intimität verletzt, ihre Identitäten gefährdet.

Als schwule Aktivisten den Spiegel bemerkten, handelten sie. Unter der Führung von Corny Littmann – der später Präsident des FC St. Pauli werden sollte – stürmten sie die Toilette. Begleitet von Pressefotografen zerschlugen sie den Einwegspiegel. Die dahinter spionierenden Polizisten flohen fluchtartig.

Der Skandal wurde öffentlich. Die Presse berichtete. Die Polizei musste sich rechtfertigen. Und schwule Männer hatten ein Zeichen gesetzt: Wir lassen uns nicht länger überwachen. Wir wehren uns.

Toiletten-Cruising in der Kunst

Künstler haben Toiletten-Cruising festgehalten – nicht als Skandal, sondern als Teil der queeren Geschichte.

Von George Quaintance bis Tom of Finland, von David Hockney bis Robert Mapplethorpe. Sie alle wussten: Öffentliche Toiletten sind keine schmutzigen Orte. Sie sind Orte der Freiheit. Orte, an denen Begehren sich erfüllt, wenn die Welt es verbietet.

Auch wir haben dieses Thema künstlerisch aufgegriffen – und zwar in vier verschiedenen Stilen, inspiriert von vier großen Künstlern unterschiedlicher Epochen. Jedes Bild zeigt dieselbe Szene: Zwei Männer am Urinal, Hosen heruntergelassen, Berührung unter dem Hosenbund. Doch jeder Stil erzählt die Geschichte anders.

Chagall-Stil: Träumerische Farben, schwebende Figuren

Chagall-Stil
Träumerische Farben, schwebende Figuren

Lichtenstein-Stil: Pop Art mit Comic-Rasterpunkten

Lichtenstein-Stil
Pop Art mit Comic-Rasterpunkten

Léger-Stil: Kubistische Maschinenästhetik

Léger-Stil
Kubistische Maschinenästhetik

Renoir-Stil: Weiche Pinselstriche, warme Farbtöne

Renoir-Stil
Weiche Pinselstriche, warme Farbtöne

Warum vier verschiedene Stile? Weil Toiletten-Cruising kein einfaches Thema ist. Es ist komplex, vielschichtig, widersprüchlich. Es ist romantisch und roh zugleich. Es ist Kunst und Alltag. Es ist Geschichte und Gegenwart.

Jeder Künstler, jede Epoche hätte dieses Thema anders dargestellt – wenn es erlaubt gewesen wäre. Chagall hätte die Szene träumerisch gemalt, Renoir impressionistisch, Lichtenstein als Pop Art, Léger kubistisch-mechanisch. Doch keiner von ihnen durfte es zeigen. Schwule Intimität war unsichtbar, verboten, unaussprechlich.

Unsere vier Bilder holen nach, was damals hätte gemalt werden sollen, aber nicht durfte. Sie zeigen, was Kunst in verschiedenen Epochen nicht zeigen konnte: Zwei Männer, die sich in einer öffentlichen Toilette begegnen. Keine Scham, keine Entschuldigung. Nur Begehren.

Für wen sind diese Bilder?

Für alle, die verstehen, dass Cruising Teil der schwulen Geschichte ist. Für alle, die wissen, dass öffentliche Toiletten keine schmutzigen Orte sind, sondern Orte der Freiheit. Für alle, die ehrlich genug sind, zuzugeben, dass Begehren nicht immer romantisch sein muss.

Diese Bilder sind nicht für jeden. Aber für die, die es verstehen, sind sie unverzichtbar.

Cruising heute

Toiletten-Cruising ist heute seltener geworden. Dating-Apps haben vieles ersetzt. Doch die Kultur bleibt. Die Erinnerung an eine Zeit, in der öffentliche Toiletten die einzigen Orte waren, an denen schwule Männer sich finden konnten.

Diese Bilder sind eine Hommage an diese Geschichte. An die Männer, die Risiken eingingen. An die Orte, die Freiheit ermöglichten. An die Momente, die verboten waren – und genau deshalb unvergesslich.

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